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Das andere Sterben

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Viele Menschen aus der Kunst- und Kulturszene kämpfen derzeit um ihre Existenz. Hat die “Kulturnation Österreich” ihre Künstler*innen vergessen?

Der Österreicher Géza Frank ist einer der weltbesten Dudelsackspieler. Wie viele freischaffende Künstler leidet er unter den Folgen der Coronakrise. 
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Vergessen

Österreichs Kunst- und Kulturszene fühlt sich von der Politik im Stich gelassen. Seit Mitte März bangen Galerien, Museen, Theater und Clubs um ihre Existenz. Finanzielle Hilfen blieben aus, die Kulturpolitik schlitterte ohne konkreten Fahrplan in die Krise.

Lockerungen schreiten nur langsam voran. Fünf Künstler*innen und Kulturschaffende sprechen über Krise, Konsequenzen und Zukunftsvisionen: Die Malerin Kinga Jakabffy, der freischaffende Musiker Géza Frank, Poetry Slam-Organisatorin Diana Köhle, Martina Reuter vom Depot - Raum für Kunst und Diskussion und Peter Nachtnebel, Musikverantwortlicher des Fluc.

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Und plötzlich war es still

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Kinga Jakabffy ist Künstlerin und lebt in Wien. Seit zwei Jahren verdient sie als Malerin ihr Geld. Durch die Coronakrise muss sie ihre Veranstaltungen für das nächste halbe Jahr absagen. Der anfängliche Schock verwandelt sich jedoch schnell in Kreativität: Durch innovative Ideen kann sie weiter von der Malerei leben. Gemeinsam mit anderen Künstler*innen organisiert sie im Mai die Ausstellung “alone.but not lonely” im 9. Wiener Gemeindebezirk, die man mit einem Timeslot alleine besichtigen kann.

Eine Gesellschaft ohne Kunst und Kultur - für Kinga Jakabffy unvorstellbar. Ohne Kunst gebe es keine Selbstreflexion, viele Diskurse würden nicht mehr stattfinden. Durch den Kulturbetrieb und die Unterhaltungsbranche würde viel Geld reinkommen. Umso mehr kritisiert sie die fehlende Aufmerksamkeit seitens der Bundesregierung. Nach wie vor gibt es in ihren Augen keinen Fahrplan. 


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Gegenwind

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Nach längerem Nichtstun der Regierung versammeln sich am Fr., 29. Mai ca. 150 Künstler*innen und Kulturschaffende unter dem Motto "Taten statt Worte" am Wiener Maria Theresienplatz.

Mit dem Sprechchor "Egal welches Wetter, egal welches Land, Kunst und Kultur sind systemrelevant" setzen die Anwesenden ein Zeichen gegen den Stillstand und, laut Aussendung der IG Autorinnen und Autoren, "ganz im Zeichen der nicht und nicht funktionierenden Unterstützungsfonds".
 

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 Als in Österreich die Ausgangsbeschränkungen beschlossen werden, ist Géza Frank gerade mit seiner Band Fourth Moon in Deutschland auf Tour. Frank ist freischaffender Musiker und hat sich als Flöten- und Dudelsackspieler weltweit einen Namen gemacht. Mit seinen Bands und als Solist tritt er vor allem im Ausland auf. Seit Anfang März ist alles auf Eis – wie für viele andere ist seine Zukunft als Musiker unsicher.

Géza Frank zählt sich zu den Glücklichen – durch seinen militärischen Hintergrund hat er ein zweites Standbein. „Viele Kollegen haben außer ihrer Tätigkeit als Künstler gar nichts. Die können sich nicht einfach einen anderen Job nehmen“, sagt Frank. 

Genau für diese Kolleg*innen steht Frank seit dem 11. Mai fast jeden Abend auf dem Heldenplatz und demonstriert – für einen klaren Fahrplan, finanzielle Hilfen für Kulturschaffende und die Reform der österreichischen Kulturpolitik.  
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In der Krise werden Probleme sichtbar

“Man präsentiert sich durch den Opernball, durch die klassischen Häuser, durch die Klassik-Konzerte für Touristen als Kulturland, aber in Wahrheit ist das ein billiges, schamloses Ausnutzen von vergangener Größe, von vergangenen Namen, um dieses Bild aufrecht zu erhalten. Jetzige Künstler, jetzige, lebendige Kunst, wird eigentlich stiefmütterlich behandelt.”
Géza Frank

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Vollbild
Mit dem Verbot größerer Veranstaltungen Mitte März werden kritische Stimmen immer lauter. Die Interessensgemeinschaft Kultur (IG Kultur) fordert öffentliche Ausgleichszahlungen und warnt vor existenzbedrohenden Folgen. Im Vergleich zum Vorjahr steigt die Zahl der Arbeitslosen in manchen Bereichen der Kunst und Kultur um 85%.

Zu diesem Zeitpunkt verspricht die damalige Kulturstaatssekretärin Ulrike Lunacek dafür zu sorgen, dass niemand vergessen wird. Vergessen fühlen sich in den darauffolgenden Wochen jedoch viele. Aufgrund fehlender Fahrpläne, unklaren Aussagen und sichtlicher Überforderung wird die Kritik lauter. Am 15. Mai gibt Ulrike Lunacek schließlich ihren Rücktritt bekannt und betont, dass die bisherigen Hilfen viel zu gering seien. Bereits fünf Tage später wird die neue Staatssekretärin für Kunst und Kultur, Andrea Mayer, angelobt.

Andrea Mayer verspricht rasche Hilfe für den Kulturbetrieb. Ab Juli sollen freischaffende Künstler*innen einen Überbrückungsfonds von 1.000,- € im Monat erhalten, insgesamt stehen 90 Millionen Euro zur Verfügung. All jene, die darauf keinen Anspruch haben, werden an den Härtefallfonds der Wirtschaftskammer und den COVID19-Fonds des Künstlersozialversicherungsfonds (KSVF) verwiesen.

Ende April wird der Härtefallfonds für Künstler*innen unter bestimmten Auflagen geöffnet. Neben dem Fixkostenzuschuss für Unternehmen ist auch der Corona NPO-Unterstützungsfonds für gemeinnützige Vereine und NPOs in der Höhe von 700 Millionen Euro entscheidend. Lange sind die Richtlinien dafür unklar, erst am 29. Mai wird der Fonds im Nationalrat beschlossen.

Für viele kommen die Hilfen deutlich zu spät. Sowohl der Kulturrat Österreich als auch die IG Kultur begrüßen die Unterstützung zwar, kritisieren jedoch nach wie vor das politische Vorgehen. Viele warten nach wie vor auf Unterstützung.


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Peter Nachtnebel ist der Musikverantwortliche des Fluc. Neben "Greller Forelle", "Flex" und "Werk", zählt das Fluc seit seiner Eröffnung 2002 zu den wichtigsten (sub-)kulturellen Projekten der Wiener Nachtkultur. 

Für das Fluc sei das nicht die erste Krise. Weshalb Peter Nachtnebel die momentane Durststrecke mit Fassung trägt. Dennoch starten die Betreiber ab 7. Mai eine Spendenaktion für das Fluc. Ohne Spendengeldern würde man nicht über die Runden kommen.

Peter Nachtnebel nimmt einen starken Nachholbedarf beim Publikum war. Die ersten Konzerte waren bereits ausverkauft. Die "tote Stadt" (Zit. Nachtnebel) erwacht langsam wieder zum Leben.


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Martina Reuter ist Geschäftsführerin des Depot - Raum für Kunst und Diskussion. Das Depot gibt es seit 25 Jahren. Gegründet wurde es von Stella Rollig (Leiterin des Belvedere Museum) als Ort der Auseinandersetzung mit der Theorie zur zeitgenössischen Kunst.

Im Depot werden größere gesellschaftliche, aktuelle und politische Fragen in die Kunst-Diskussion eingebettet. Das Depot ist eine der Kulturinstitutionen, die subventioniert werden und nicht existenziell von der Krise bedroht sind.
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Ein Blick in die Zukunft

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Diana Köhle ist die Organisatorin und Moderatorin des Tagebuch-Slams - ein Poetry-Slam, bei dem aus alten Tagebüchern gelesen wird.

Am Anfang der Coronakrise sagte sie alle Veranstaltungen bis September ab. Von der Regierung wünscht sich Diana Köhle mehr Unterstützung und hofft auf das Ausbleiben einer zweiten Welle. 

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“Kunst ist nicht nur Oper, Kunsthistorisches oder Galerien oder so. Kunst bedeutet wesentlich mehr. Ich weiß nicht wie viele Menschen hier leben, die nicht traditionell österreichischen Hintergrund haben. Was wird für die getan? Die werden dann immer in dieses Ethno-Eck hineingestellt und da tut man ein bisschen Hip Hop fördern oder tanzen oder Kulinarisches, aber mehr fällt einem nicht ein. Dass halt immer dieses Elitenprogramm gefahren wird, also da muss man schon wirklich deftig und heftig umschichten, wäre mein Wunsch. Wird aber eh nicht passieren.”

Martina Reuter (Depot - Raum für Kunst und Diskussion)
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Géza Frank fordert die Einführung des “intermittents du spectacle” in Österreich, eine Art Absicherung für Kulturschaffende verschiedenster Bereiche in Frankreich. Damit könne man den oft prekären Arbeitsverhältnissen auch außerhalb einer Krise entgegenwirken.

Der französische Staat unterstützt Kulturschaffende mit 1.400,- € netto im Monat. Wer eine Mindestzahl an bezahlten Auftritten nachweist, ist für ein Jahr bezugsberechtigt und kann weiter Geld verdienen. Alles was in der Höhe von 1.400,- € erwirtschaftet wird, muss dem Staat abgegeben werden. Verdient ein Künstler beispielsweise 3.000,- € im Monat, gehen 1.400,- € an den Staat. Sind es hingegen in einer schlechten Phase nur 200,- €, bekommt er 1.200,- € vom Staat.

Durch diese Einkommenssicherheit können Kunst- und Kulturschaffende planen, sich entwickeln und Rücklagen bilden. Warum es in Österreichs Kulturpolitik nicht ähnliche Überlegungen gibt, kann Géza Frank nicht verstehen. Insbesondere in Krisenzeiten wären Kulturschaffende so besser abgesichert.


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Am 1. Juli wird in Wien ein Schweigemarsch als Protest gegen die derzeitige Kulturpolitik stattfinden. Mit Anfang Juli sollen nach knapp vier Monaten auch die ersten Hilfen seitens der Regierung ausbezahlt werden.

Géza Frank will mit diesem Datum seine Demonstrationen auf dem Heldenplatz abschließen. Sein Aktivismus endet damit jedoch nicht: Er will den Protest von der Straße ins Büro tragen und dort mit Politiker*innen in den Dialog treten.


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Die Coronakrise hat die Probleme der Kunst- und Kulturszene katalysiert und in geballter Form sichtbar gemacht. Dadurch ist eine neue Diskussion über die gesellschaftspolitische Relevanz von Kunst und Kultur entfacht.

Die Neubesetzung des Kulturstaatssekretariats verspricht einen echten Dialog mit der Politik. Die nächsten Monate werden zeigen, ob sich das alles auch ausgezahlt hat.


Und noch etwas wird sich zeigen: Wer hat die Krise überlebt, wer nicht?








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