Hinweis

Für dieses multimediale Reportage-Format nutzen wir neben Texten und Fotos auch Audios und Videos. Daher sollten die Lautsprecher des Systems eingeschaltet sein.

Mit dem Mausrad oder den Pfeiltasten auf der Tastatur wird die jeweils nächste Kapitelseite aufgerufen.

Durch Wischen wird die jeweils nächste Kapitelseite aufgerufen.

Los geht's
Jugendliche am Limit: Corona im Alltag
Wird geladen ...

Jugendliche am Limit: Corona im Alltag

Logo https://pageflow.jour.at/jugendliche-am-limit

Einleitung

Corona hat das Leben vieler Jugendlicher vollkommen auf den Kopf gestellt.
Doch was waren die größten Herausforderungen?
Wie denken sie über die Zukunft?
Ein Einblick in die Gefühlswelt österreichischer Schüler*innen.  
Zum Anfang
Videokonferenzen, virtuelle Arbeitsaufträge und Zeitvertreib ausschließlich in den eigenen vier Wänden: So hat für viele Schüler*innen der Alltag im letzten Jahr ausgesehen. Partys und Treffen mit Freunden fielen aufgrund der Corona-Bestimmungen aus und auch die Klassenräume blieben oftmals leer oder konnten nur im Schichtbetrieb besucht werden. In Summe absolvierten rund 1,1 Million Schüler*innen im letzten Jahr einen Mischunterricht aus Distanz- und Präsenzunterricht:
Zum Anfang
Ich bin damit einverstanden, dass mir Diagramme von Datawrapper angezeigt werden. Mehr Informationen
Ansicht vergrößern bzw. verkleinern

Um externe Dienste auszuschalten, hier Einstellungen ändern.

Zum Anfang

Schüler*innen berichten

Zum Anfang
0:00
/
0:00
Video jetzt starten
Sophie S. aus Oberösterreich ist 18 Jahre alt und hatte wie viele andere in ihrem Alter mit der Situation in den letzten Monaten zu kämpfen. Sie erzählt, wie sie diese Zeit erlebt hat.

Video öffnen

Zum Anfang
0:00
/
0:00
Video jetzt starten
Auch Maturant*innen hatten es im letzten Jahr besonders schwer.
Franziska P. aus Kärnten erzählt, wie belastend diese Zeit für sie war.

Video öffnen

Zum Anfang

Psychische Belastung

Die Corona-Pandemie hat vieles auf den Kopf gestellt und Spuren hinterlassen. Im Schuljahr 2019/20 ist die Zahl der Krisenunterstützungen durch Schulpsycholog*innen im Vergleich zum Vorjahr um fast ein Fünftel gestiegen. Derzeit stehen Österreichs Schüler*innen 181 Schulpsycholog*innen  zur Verfügung. Aufgrund der derzeitigen Situation kündigte Bildungsminister Heinz Faßmann jedoch eine Aufstockung der Posten um 20 Prozent ab Herbst 2021 an. 
Zum Anfang
Ich bin damit einverstanden, dass mir Diagramme von Datawrapper angezeigt werden. Mehr Informationen
Ansicht vergrößern bzw. verkleinern

Um externe Dienste auszuschalten, hier Einstellungen ändern.

Zum Anfang
0:00
/
0:00
Video jetzt starten
Christiane Spiel von der Universität Wien und ihr Team haben ebenfalls untersucht, wie es Österreichs Lernenden im Zuge der Pandemie ergangen ist. Hierbei fanden Sie Folgendes heraus:

Video öffnen

Zum Anfang

Aus Lehrer*innenperspektive

Vollbild
Die Studie hat aufgezeigt, dass Oberstufenschüler*innen während der Pandemie besonders stark belastet waren. Das Distance Learning hat aber auch die Lehrer*innen vor große Herausforderungen gestellt, wie Mag. Erika Kracher, Lehrerin an einem steirischen Gymnasium, im Interview erzählt.
Da die Schulen „von einem Tag auf den anderen“ geschlossen wurden, fand die gesamte Kommunikation zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen anfangs über E-Mail statt. Arbeitsaufträge wurden übermittelt und ausgefüllt wieder zurückgeschickt. Später wurde auf Videounterricht mit dem Tool Microsoft Teams umgestellt. Dies brachte jedoch neue Probleme – meist technischer Art – mit sich: instabile Internetverbindungen, mangelndes Equipment (Laptop, Mikrofon, Kopfhörer), ständige Störungen und vor allem: eine gewisse Teilnahmslosigkeit bei den Schüler*innen. „Es fühlt sich einfach keiner angesprochen“, sagt Mag. Kracher.

Schüler*innen aus prekären Verhältnissen besonders betroffen
Eines steht fest: Schüler*innen, die bereits vor der Pandemie benachteiligt waren oder in prekären Verhältnissen lebten, waren währenddessen noch stärker benachteiligt. Viele verfügten nicht über die nötige technische Ausstattung. Die vom Staat bereitgestellten Leih-Laptops kamen mit großer Verzögerung bei den Familien an, „und dann scheiterte es oft immer noch an der Schnelligkeit der Internetverbindung. Gegen Ende des Monats konnten manche Schüler*innen gar nicht mehr am Videounterricht teilnehmen, da das Datenvolumen verbraucht war,“ so Mag. Kracher.
Doch auch gute Schüler*innen haben während des Distance Learnings sehr stark nachgelassen. „Als wir dann auf Microsoft Teams umgestellt haben, war anfangs die Freude groß, dass wieder ein Austausch stattfindet. Aber es gibt einfach zu viele Ablenkungen zu Hause.“ Aufgrund der Persönlichkeitsrechte kann die Lehrerschaft nicht einfordern, dass die Kamera beim Distance Learning eingeschaltet wird. Gerade für Kinder und Jugendliche ist die Versuchung dann groß, nebenbei etwas anderes zu machen. „Viele sind dann geistig abwesend. Das hat mit der Dauer des Homeschoolings zugenommen. Besonders seit Weihnachten ist die Luft draußen, auch bei den Älteren.“

Großer Druck auf Oberstufe und Maturaklassen
Laut Mag. Kracher haben Unter- wie Oberstufenschüler*innen gleichermaßen unter dem Homeschooling gelitten, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen: In den Oberstufen wurden die Schüler*innen nach dem Stundenplan unterrichtet, das heißt, sie saßen ca. sechs Stunden täglich vor dem Computer. Das ist – gerade für Jugendliche – anstrengend und es fällt schwer, aufmerksam zu bleiben. Unter großem Druck standen natürlich auch die Maturant*innen, die bereits das ganze letzte Jahr im Homeschooling verbracht hatten. Bei der Matura gab es dafür dieses Jahr keine verpflichtenden mündlichen Prüfungen oder vorwissenschaftlichen Arbeiten. Außerdem wurde die Jahresnote in die Maturanote eingerechnet, wobei die Jahresnote stärker gewichtet wurde. So hat man versucht, den Maturant*innen ein bisschen Druck zu nehmen. Bei den schriftlichen Prüfungen gab es zudem 60 Minuten mehr Zeit. „Das war gut, denn es war schon sehr anstrengend für die Maturant*innen, weil sie es gar nicht so gewohnt sind, sich so lange zu konzentrieren. Alles in allem haben es meine Englisch-Maturant*innen auch gut hingekriegt“, so Mag. Kracher.

Vernachlässigung in der Unterstufe
Schlechter sieht es laut der Gymnasiallehrerin bei den ersten Klassen aus. Die 10- bis 11-Jährigen sind durch die Pandemie mit einem Regelschulbetrieb gar nicht vertraut, haben sie ja bereits das letzte Semester der Volksschule großteils zu Hause verbracht. „Im Herbst 2020 haben wir versucht, da eine gewisse Struktur in den Unterricht zu bringen, aber mit Ende Oktober kam ja bereits der nächste Lockdown.“ Das zweite Semester ihres ersten Gymnasiumjahres haben fast alle Schüler*innen von Mag. Kracher mit mindestens einer Note schlechter abgeschlossen als das vorangegangene. „Im Herbst wird es schwierig werden, ich glaube, da wird es ein böses Erwachen geben. Wir haben mehr als die Hälfte des Stoffes in diesem Jahr nicht geschafft.“
Während der Pandemie hat sich bei den jüngeren Schüler*innen für Mag. Kracher besonders eine Problematik herauskristallisiert: die Vernachlässigung. „Viele Eltern sehen die Schule als Aufbewahrungsort für die Kinder, das beginnt schon in Volksschule. Die Eltern interessieren sich gar nicht dafür, wie es den Kindern geht. Wenn das die Auffassung von Elternsein ist, dass man sein Kind in die Schule schickt und nie fragt, was dort passiert, dann muss ich sagen: Das ist zu wenig. Da tun mir die Kinder leid, die überhaupt keine Unterstützung haben. Und das kommt in so einer Extremsituation ganz stark heraus: Die Schüler*innen werden komplett allein gelassen, und das ist schlimm. Da leiden sie natürlich psychisch darunter, weil sie sich doppelt vereinsamt vorkommen: Sie können ihre Freunde nicht treffen und haben auch keine Ansprache der Eltern. Als Elternteil muss man zeigen, dass man sich kümmert und dass man Interesse hat.“ Besonders Schüler*innen, die abseits der Städte in kleinen Orten wohnen, haben sich isoliert gefühlt. Da hat der Schichtbetrieb in den Schulen Abhilfe geschaffen, jedoch war es für die Schüler*innen auch keine optimale Lösung, da man dabei die Freunde in der jeweils anderen Gruppe nie sieht. „Als dann alle wieder gemeinsam in der Klasse saßen, haben sie sich natürlich gefreut, die Freunde wiederzusehen. Die Euphorie war groß und sie müssen sich immer noch sehr viel mitteilen“, meint Mag. Kracher schmunzelnd. Weiters gab Mag. Kracher an, dass es bei den Eltern zwei weit auseinanderliegende Lager gab: Die einen waren der Meinung, dass die Schüler*innen durch das Homeschooling unterfordert wären – die anderen beklagten eine Überforderung. Ein gleichermaßen großes Problem für die Lehrer- und Schülerschaft war die Unsicherheit, dass niemand vorhersagen konnte, wie es weitergeht und wann wieder etwas „Normalität“ einkehrt.



Schließen
Zum Anfang

Aus der Praxis

0:00
/
0:00
Video jetzt starten
Auch Mag. Carine Anderle, Psychotherapeutin und Psychologin für Jugendliche und junge Erwachsene aus Graz, konnte im letzten Jahr bei ihren Patient*innen einige Veränderungen feststellen.

Video öffnen

Zum Anfang

Ausblick

Vollbild
Zum Schluss bleibt zu resümmieren, ob Jugendliche von Corona wirklich ans Limit gebracht wurden, wie der Seitentitel vermuten lässt.

Nachdem Meinungen aus jeder Betroffenengruppe eingeholt wurden, hat sich gezeigt: Das vergangene Jahr war für alle Beteiligten schwierig. Alle wurden vor große Herausforderungen unterschiedlichster Art gestellt. Manche haben dem Druck nicht standgehalten.

Doch für viele birgt die Krise auch eine Chance, denn man wächst auch mit seinen Aufgaben. Die Schüler*innen konnten aus dem Distance Learning vor allem Selbstorganisation und Eigenverantwortung mitnehmen, die sie in ihrem weiteren Leben brauchen werden. Viele haben gelernt, mit sich allein zurechtzukommen, und dass „alleine“ nicht mit „einsam“ gleichzusetzen ist.

Auch die Art, wie wir kommunizieren, hat sich verändert. Waren Videokonferenzen früher Businessmeetings vorbehalten, gehören sie für Schüler*innen, Student*innen und Angestellte mittlerweile zum Alltag. Damit ist eine neue Freiheit entstanden, was Arbeitsort und manchmal auch -zeit angeht.

Eine weitere positive Entwicklung ist, dass das Thema psychische Gesundheit und wie es den Menschen geht sehr stark in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt ist. War es vor der Krise noch fast ein Tabuthema, über psychische Probleme, Depressionen, Überlastungen oder Therapie zu sprechen, ist die Hemmschwelle in den letzten eineinhalb Jahren glücklicherweise gesunken. Dass man nicht nur auf seine physische, sondern auch auf die psychische Gesundheit achten muss, hat uns die Krise aufgezeigt.

Man kann sich fast trauen zu behaupten, dass wir das Schlimmste überstanden haben. Nun heißt es möglichst positiv in die Zukunft zu schauen. Und das können wir. Auch  Mag. Anderle ist sich sicher: „Wir werden uns erholen.“
Schließen
Zum Anfang
Psychische Belastungen müssen nicht alleine bewältigt werden: Für junge Menschen, die Sorgen haben, sich alleine fühlen oder mit jemanden sprechen möchten, gibt es unterschiedliche Anlaufstellen. 

  • Rat auf Draht (Nr.: 147) steht rund um die Uhr für psychologische Beratung zur Verfügung.
  • Die Telefonseelsorge ist jederzeit für ein vertrauliches Gespräch erreichbar; entweder per Telefon (Nr.: 142) oder online unter telefonseelsorge.at.
  • Der Kindernotruf (Nr.: 0800/567567) hilft bei Konflikt- und Krisensituationen.
Zum Anfang
Scrollen, um weiterzulesen Wischen, um weiterzulesen
Wischen, um Text einzublenden