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Gentle Men: Auf der Suche nach Vorbildern

Gibt es einen "Anti-Andrew Tate"?



Wer ist Andrew Tate?

Andrew Tate ist ein US-amerikanisch-britischer Influencer. Er inszeniert Dominanz, Reichtum und die Abwertung von Frauen – und erreicht damit ein Millionenpublikum. Trotz strafrechtlicher Vorwürfe bleibt seine Anhängerschaft groß.

Die Extremismusforscherin Julia Ebner warnt in einem Interview mit The Independent: Tate sei nur die Spitze des Eisbergs. In sozialen Medien kursieren unzählige ähnliche Influencer, die jungen Männern ein Bild von Männlichkeit vermitteln, das von Sexismus und toxischen Idealen geprägt ist.

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Die Inhalte bleiben jedoch nicht im digitalen Raum, sondern können reale Konsequenzen haben: Wer Frauen abwertet, Dominanz verherrlicht und Empathie als Schwäche darstellt, normalisiert Gewalt. Diese Gewalt richtet sich besonders gegen Frauen und ist ein großes gesellschaftliches Problem. Ein Blick auf die österreichische Gewaltstatistik aus dem Jahr 2021 macht das deutlich:

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der Frauen ab dem Alter von 15 Jahren in Österreich haben körperliche und/oder sexuelle Gewalt innerhalb oder außerhalb von intimen Beziehungen erlebt.

Diese Zahlen zeigen wie dringend Prävention ist. Um Gewalt zu verhindern, reicht es nicht, nur auf die Folgen zu reagieren. Es ist entscheidend, dort anzusetzen, wo Rollenbilder entstehen, nämlich bei Burschen und heranwachsenden Männern selbst und den Vorbildern, die sie umgeben.

Natürlich muss man Frauen und Mädchen stärken, aber es ist sehr wichtig und auch der Zeit angemessen, Männern und Burschen gesunde Männerbilder in die Hand zu geben, die ihnen erlauben, Stärke zu zeigen, ohne Gewalt anzuwenden.

– Katharina Scholz, Leiterin der Untersuchungsstelle für Gewaltbetroffene an der MedUni Wien im Gespräch mit Wien heute

Wie lassen sich positive Männlichkeitsbilder vermitteln?

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Simon Brezina, White Ribbon Austria

Ein allumfassendes Gegenmodell zu Andrew Tate und anderen toxischen Influencern gibt es laut Simon Brezina vom Verein White Ribbon Österreich also nicht. Statt radikaler Brüche braucht es viele unterschiedliche Zugänge.

Daher begeben wir uns in dieser Reportage auf die Suche nach Vorbildern in verschiedenen Lebensbereichen. Wir starten dabei in der Welt von Social Media.

Kapitel 1

Vor dem Bildschirm

Nach der Familie sind Influencer in den sozialen Medien die wichtigsten Vorbilder für junge Männer, wie die OÖ Jugend-Medien-Studie 2025 zeigt:

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der befragten Jugendlichen bezeichneten einen Influencer oder YouTuber als ihr Vorbild.

Doch warum werden soziale Medien für junge Männer überhaupt zu so wichtigen Orientierungspunkten? Oft fehlen im Alltag greifbare Bezugspersonen. Philipp Leeb, Pädagoge und Gründer von poika - Verein zur Förderung gendersensibler Bubenarbeit, erklärt, warum das Internet für viele Jugendliche zu einem Ersatzraum wird:

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Philipp Leeb, Verein poika

Wenn soziale Medien für junge Männer diese Rolle übernehmen, werden sie auch zu einem zentralen Ort, an dem Werte und Rollenbilder vermittelt werden. Stark polarisierende und antifeministische Inhalte können die Sichtweise junger Männer auf reale Gegebenheiten verzerren.

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Simon Brezina, White Ribbon Österreich

Obwohl antifeministische Influencer wie Andrew Tate online besonders sichtbar sind, wird im Gespräch mit dem 16-jährigen Schüler Victor deutlich, dass viele junge Männer nach alternativen, positiven Vorbildern suchen und sich vor allem nach Gemeinschaft sehnen:

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Victor (16), Schüler

Auch wenn diese Inhalte nicht dieselbe Reichweite haben wie antifeministische Alpha-Male-Narrative, gibt es bereits Influencer, die genau dort ansetzen. Im deutschsprachigen Raum bemühen sich Menschen darum, alternative Inhalte zu schaffen. Inhalte, die Gemeinschaft statt Abgrenzung, Reflexion statt Feindbilder und Offenheit statt Dominanz vermitteln. Sie greifen das Bedürfnis vieler junger Männer nach Zugehörigkeit auf und versuchen, alternative Wege aufzuzeigen.

Diese Arbeit wird dabei nicht nur von Männern geleistet. Auch viele Frauen und nicht-binäre Personen engagieren sich online für differenzierte, gleichstellungsorientierte Männlichkeitsbilder und leisten einen wichtigen Beitrag in der Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen. In dieser Reportage zeigen wir exemplarisch drei Influencer, die diesen Ansatz auf unterschiedliche Weise verfolgen:



Auch das österreichische Online-Medium Die Chefredaktion setzt sich gezielt mit Fragen rund um Männlichkeit, Identität und Gleichberechtigung auseinander.

Mit unterschiedlichen Formaten versuchen die Journalist:innen vor allem junge Menschen zu erreichen und ihnen Räume für ehrliche Gespräche zu bieten. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf jungen Männern mit Migrationshintergrund. Sie erleben häufig Mehrfachzuschreibungen, stehen zwischen unterschiedlichen Erwartungshaltungen und finden sich in medialen Debatten oft problematisiert oder kaum repräsentiert wieder.

Ich habe schon länger gemerkt, dass junge migrantische Männer eine Gruppe sind, die in der medialen Berichterstattung häufig als Problem vorkommen, im Zuge von Kriminalität oder Problemschulen, Brennpunktschulen. Und es ist selten eine Gruppe, die selber zu Wort kommt und mit der man spricht über ihre Gefühle, über die Probleme, die sie haben und nicht nur die, die sie machen.

Melisa Erkurt, Gründerin der Chefredaktion

Genau diese fehlende Repräsentation kann dazu beitragen, dass sich junge Männer zurückziehen oder nach Orientierung in anderen, oft stark vereinfachenden Online-Erzählungen suchen. Die Chefredaktion hat sich daher zum Ziel genommen, junge Männer sichtbar zu machen:

Im Zuge dessen entwickelte das Team unterschiedliche Content-Reihen, wie Seiten auf Null und Bruder, sag ehrlich:

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Melisa Erkurt, Gründerin der Chefredaktion

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Melisa Erkurt, Gründerin der Chefredaktion

Das Feedback zeigt: Vor allem junge Frauen fühlen sich von den Inhalten angesprochen. Viele heranwachsende Männer hingegen, die von diesem Content profitieren könnten, wissen hingegen gar nicht, dass es diese Formate gibt oder bekommen sie in ihren Social-Media-Feeds nicht ausgespielt. Trotzdem sind diese Initiativen wichtig, weil sie Debatten im digitalen Raum aufbrechen. Das betont auch Philipp Leeb:

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Philipp Leeb, Verein poika

Es ist also notwendig, abgesehen vom digitalen Raum auch analoge Räume zu betreten und hier Gespräche rund um das Thema Männlichkeit zu führen. Aus der OÖ Jugend-Medien-Studie 2025 wird sichtbar, dass an erster Stelle in der Vorbildfunktion immer noch die Familie steht: 26% der befragten Jugendlichen betrachten Familienmitglieder als ihr Vorbild. Daher richtet sich der Blick im nächsten Kapitel auf das Zuhause.

Kapitel 2

Am Küchentisch

Die ersten Vorstellungen davon, was es heißt, ein Mann zu sein, entstehen nicht auf Social Media oder im Freundeskreis, sondern zu Hause in Beziehungen zu erwachsenen Bezugspersonen. Oft ist es der Vater oder eine andere männliche Bezugsperson, an der sich Burschen orientieren. Sie vergleichen sich mit ihnen, messen sich an ihnen und übernehmen ihre Muster. Nicht weil sie konkret dazu aufgefordert werden, sondern weil Nachahmung ein zentraler und automatisierter Lernprozess ist. Wenn ein Vater Konflikte vermeidet oder mit Lautstärke löst, wird das registriert. Wenn er Gefühle benennt oder verschweigt, ebenso. Männlichkeit wird in den meisten Fällen nicht weiter erklärt, sondern einfach vorgelebt.

Leon ist 16 Jahre alt und bringt diese Erfahrung auf den Punkt:

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Leon (16)

Gleichzeitig ist diese Form der Orientierung nicht für alle jungen Männer ident. In manchen Lebensrealitäten übernehmen andere Menschen die Rolle der Orientierungsperson und des Vorbilds – Mütter, Geschwister, Großeltern oder andere enge Bezugspersonen. Auch wenn sie selbst nicht männlich sind, prägen sie das Bild davon, was Stärke, Verantwortung und Umgang mit Gefühlen bedeuten können.

Egal welches Geschlecht - Vorbilder in der Familie sind enorm wertvoll und wichtig für die jungen Männer:

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Victor (16), Schüler

Dass dieser Einfluss nicht nur ein subjektives Gefühl ist, lässt sich auch an gesellschaftlichen Debatten ablesen. In einem Interview mit Der Standard spricht die britisch-amerikanische Autorin Ruth Wippmann darüber, wie wichtig emotionale und soziale Kompetenzen für junge Burschen sind. Wenn Bezugspersonen Kindern früh erlauben, ihre Gefühle auszudrücken, und ihnen beibringen, wie man sich auch um die Gefühle anderer kümmert, dann hat man viel getan. Burschen können so ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln und lernen, sich selbst und andere respektvoll zu behandeln.

Wenn Eltern ihren Söhnen schon früh erlauben, ihre Gefühle auszudrücken, und sie ihnen beibringen, wie man sich auch um die Gefühle anderer kümmert, dann hat man viel getan. Dann können die Burschen ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln und behandeln sich und andere respektvoll.

- Feministische Autorin Ruth Wippmann im Gespräch mit Der Standard



Wichtig zu verstehen ist, dass von Eltern oder Bezugspersonen nicht verlangt wird, perfekt zu sein, sondern bewusst vorzuleben. Wenn erwachsene Vorbilder jungen Männern erlauben, ihre Gefühle zu benennen, ihnen zeigen, wie man zuhört, tröstet oder um Hilfe bittet, dann nimmt das die Angst davor, als „schwach“ zu gelten. Es geht darum, Beziehungskompetenz zu vermitteln, nicht nur physische Stärke. Denn toxische Formen von Männlichkeit entstehen oft dort, wo Gefühlsausdruck früh abgeschnitten wird und Burschen das Gefühl bekommen, „hart“ sein zu müssen, um akzeptiert zu werden.

Konkret heißt das: Erwachsene Bezugspersonen - darunter auch Väter - können sich Zeit nehmen, um mit jungen Männern über Emotionen und Themen wie Misogynie und Gleichberechtigung zu sprechen. Sie können vorleben, wie Konflikte ohne Lautstärke oder Dominanz gelöst werden, dass Empathie kein Widerspruch zu Verantwortung ist und dass Stärke nicht Gleichgültigkeit bedeutet, sondern Rücksicht auf andere.

Daraus lässt sich nicht schlussfolgern, dass die jungen Erwachsenen sofort eine Antwort auf die große, abstrakte Frage der Männlichkeit haben müssen. Wichtig ist, dass sie speziell in einer Zeit in der sie sich selbst erst finden und oft unsicher durch die Welt gehen, Werkzeuge mit auf den Weg bekommen, um mit Gefühlen und Unsicherheiten umzugehen. Das ebnet früh den Weg zur "positiven Männlichkeit".

Ruth Wippmann betont gegenüber Der Standard außerdem Folgendes:

Wichtig ist auch, dass man mit ihnen über Dinge wie "Consent" und "Rape-Culture" spricht, sie aber gleichzeitig nicht dafür verantwortlich macht, was Generationen von Männern vor ihnen verbrochen haben. Das wäre einfach nicht fair.

Nicht jede Bezugsperson fühlt sich dieser Aufgabe jederzeit sicher gewachsen. Viele Erwachsene sind selbst in einem Umfeld sozialisiert worden, in dem über Gefühle kaum gesprochen wurde und Männlichkeit vor allem über Abgrenzung funktionierte. Entsprechend groß kann die Unsicherheit sein, wenn es darum geht, jungen Männern heute andere Werkzeuge und Umgangsformen mitzugeben.

Orientierung zu suchen ist in diesem Zusammenhang weniger ein Eingeständnis von Ratlosigkeit als ein bewusster Schritt zum Aufbrechen von Rollenbildern und transgenerationalen Missständen. Unterstützung bieten dabei spezialisierte Anlaufstellen wie der Verein Papainfo, der Vätern und anderen Familienmitgliedern mit Informationsangeboten, Beratung und Austausch zur Seite steht.



Was zu Hause beginnt, setzt sich jedoch außerhalb der Familie fort - spätestens dort, wo heranwachsende Männer einen Großteil ihres Alltags verbringen: in der Schule.

Kapitel 3

Im Klassenzimmer

Für viele ist die Schule der erste Ort, an dem sie systematisch bewertet werden: durch Noten, durch Lehrkräfte, vor allem aber durch Gleichaltrige. Gruppendynamiken, soziale Anerkennung und Ausschluss prägen den Alltag. Studien zeigen, dass Werte, Normen und Verhaltensweisen in dieser Phase stark von Peers übernommen werden – oft stärker als durch formale Regeln:

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Simon Brezina, White Ribbon Österreich

Dabei wirken zwei Ebenen zusammen: Kulturelle Erzählungen über Männlichkeit, die seit Generationen weitergegeben werden, und konkrete Alltagsskripte, die Jungen in Familie, Peergroups und im Klassenzimmer erlernen. Welche Eigenschaften gelten als „männlich“? Stärke, Dominanz, emotionale Kontrolle – oder Empathie und Solidarität?

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Lukas Kober, AHS-Pädagoge

Werden die Verhaltensweisen der Burschen durch ihr Umfeld geprägt?

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Lukas Kober, AHS-Pädagoge

Das sei laut Kober natürlich keine Rechtfertigung dafür, Frauen zu degradieren. Man müsse aber mit jungen Männern über diese Verhaltensweisen sprechen, ohne sie dabei zu verurteilen – ein schmaler Grat:

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Lukas Kober, AHS Pädagoge



Das österreichische Bildungsministerium verweist auf Nachfrage darauf, dass die Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen und Männlichkeitsbildern in Österreichs Schulen verpflichtend im Lehrplan verankert ist. Im Rahmen der sogenannten "Reflexiven Geschlechterpädagogik" sollen stereotype Erwartungen hinterfragt und alternative, positive Rollenbilder vermittelt werden.

Ein eigener Unterrichtsgegenstand existiert nicht, die Themen werden fächerübergreifend behandelt. Dazu zählen auch Medienkompetenz und die kritische Auseinandersetzung mit sexistischen und frauenfeindlichen Online-Inhalten. Ziel ist es, Burschen in ihrer sozialen und emotionalen Entwicklung zu stärken und toxischen Männlichkeitsnormen entgegenzuwirken.

Inwiefern werden diese Themen aber tatsächlich in den Klassenräumen behandelt?

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Tim (18), Schüler

In Großbritannien wird „toxische Männlichkeit“ zunehmend als gesellschaftliches Problem ernst genommen. Ab September 2026 soll ein verpflichtender Unterricht zur Bekämpfung von Frauenfeindlichkeit eingeführt werden. Ziel ist es, Burschen dabei zu unterstützen, positive männliche Rollenbilder zu erkennen und frauenfeindliche Weltbilder – insbesondere aus sozialen Medien und der sogenannten „manosphere“ – kritisch zu hinterfragen. Entscheidend sei dabei, junge Männer nicht zu stigmatisieren, betont das britische Bildungsministerium.



Kapitel 4

Nach der Schule

Neben Familie und Schule spielt die Freizeit eine zentrale Rolle in der Entwicklung junger Männer. In Vereinen, Jugendgruppen oder beim Sport treffen sie auf Gleichaltrige und Erwachsene außerhalb des familiären Umfelds. Hier entsteht Zugehörigkeit, aber die Gruppendynamiken bringen auch sozialen Druck mit sich.

Dieser soziale Druck macht es jungen Männern oft schwer, sich gegen sexistische, homophobe oder andere abwertende Äußerungen zu positionieren. Auch Victor beschreibt solche Momente aus eigener Erfahrung:

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Victor (16), Schüler

Woher dieser Druck kommt und was man in diesem Zusammenhang unter dem sogenannten Männerbund versteht, erklärt Philipp Leeb:

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Philipp Leeb, Verein poika

Sozialer Druck beeinflusst auch, wie offen junge Männer untereinander über ihre Gefühle sprechen und sich gegenseitig unterstützen können:

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Victor (16), Schüler

Gerade deshalb ist es wichtig, dass junge Männer in ihrer Freizeit Räume finden, in denen sie sich wohlfühlen, sich ausprobieren können und Beziehungen aufbauen, ohne sich ständig beweisen zu müssen.

Diesen Raum können auch Sportmannschaften bieten. Sport spielt für junge Männer eine wichtige Rolle in ihrer Freizeit und damit auch in der Frage, welche Vorbilder sie erleben. Insbesondere Fußball ist bei jungen Männern in Österreich beliebt. Allerdings gelten gerade Fußballmannschaften oft als Orte, an denen problematische Vorstellungen von Männlichkeit weitergegeben werden.

Es gibt aber auch Trainer wie Jamil Sy, die bewusst darauf achten, wie miteinander umgegangen wird und welche Werte im Team zählen. Für ihn steht im Vordergrund, dass aus dem Training Freundschaften entstehen.

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Jamil Sy, Fußballtrainer

Sportvereine können Räume für Gemeinschaft schaffen. Doch nicht alle jungen Männer sind an Sport interessiert.

Johannes und Magdalena leiten einmal pro Woche eine Jugendgruppe im Rahmen der Pfarre Gersthof, in der sie eine kleine Gruppe von 14-jährigen Mädchen und Burschen betreuen. In der Jugendgruppe geht es nicht um Leistung oder Wettbewerb, sondern um gemeinsame Zeit und Alltagssituationen. Gerade in solchen scheinbar kleinen Momenten zeigen sich oft tief verankerte Vorstellungen davon, was als „männlich“ gilt - und was nicht:

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Magdalena und Johannes, Jugendgruppenleiter*innen

Die Reaktionen der Jugendlichen machen deutlich, wie stark Geschlechternormen auch dann wirken, wenn sie nicht offen ausgesprochen werden. Gleichzeitig zeigt sich, wie viel Einfluss erwachsene Vorbilder haben, wenn sie solche Zuschreibungen nicht verstärken, sondern bewusst aufbrechen:

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Magdalena und Johannes, Jugendgruppenleiter*innen

Magdalena und Johannes sind in der Jugendgruppe präsente Vorbilder. Sie begleiten die Kinder, in einer Lebensphase, in der Orientierung besonders wichtig ist.

Unterm Strich



Es kann keinen klassischen "Anti-Andrew Tate" geben.

Simon Brezina, White Ribbon



...Weil Männlichkeit nicht über eine einzelne Figur oder ein Gegenbild neu definiert wird, sondern über viele unterschiedliche Vorbilder und Erfahrungen, die in verschiedenen Lebensbereichen wirken. Statt eines klaren Gegennarrativs braucht es zahlreiche Stimmen, die Männlichkeit erweitern, hinterfragen und neu erzählen, in unterschiedlichen Kontexten und Lebensbereichen.

Viele junge Männer fühlen sich bei Inhalten von Andrew Tate oder ähnlichen Influencern nicht in erster Linie von offen sexistischen Aussagen angezogen, sondern von Themen wie Fitness, finanzieller Erfolg, Disziplin oder Selbstoptimierung. Simon Brezina betont jedoch, dass diese Aspekte nicht losgelöst betrachtet werden können. In der Logik von Andrew Tate hängen Leistungsdruck, Dominanzdenken und die Abwertung von Frauen unmittelbar zusammen. Die Ausbeutung von Frauen steht in derselben Denkweise wie die Selbst­ausbeutung von Männern, die ihren eigenen Wert über Status, Kontrolle und ökonomische Überlegenheit definieren. Es geht dabei weniger um ein gutes oder stabiles Leben als um Macht, Vergleich und Unterwerfung.

Wer versucht, nur einzelne Elemente dieses Weltbildes zu übernehmen und andere auszublenden, reproduziert dieselben Muster in abgeschwächter Form. Eine Männlichkeit, die Fitness und finanziellen Erfolg feiert, ohne die dahinterliegenden Macht- und Dominanzvorstellungen zu hinterfragen, bleibt Teil desselben Systems.

Gleichzeitig zeigen Initiativen im digitalen Raum, dass es ein Bedürfnis nach anderen Bildern von Männlichkeit gibt, in denen Gefühle, Beziehungen und Verantwortung Platz haben. Doch viele prägende Prozesse finden jenseits sozialer Medien statt. In Familien, Schulen und im Alltag entscheidet sich, welche Vorstellungen von Männlichkeit weitergegeben werden.

Junge Männer bewegen sich heute zwischen widersprüchlichen Erwartungen. Zwischen Alpha-Idealen, die Stärke und Kontrolle versprechen, und Gegenentwürfen, die Fürsorge und Selbstreflexion betonen. Orientierung entsteht dort, wo Erwachsene präsent sind, zuhören und Beziehungen anbieten. Positive Männlichkeit entwickelt sich nicht durch einfache Gegenbilder, sondern durch Vielfalt, Begleitung und Räume, in denen unterschiedliche Wege des Mannseins möglich sind.



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Victor (16), Schüler



Eine Multimedia-Reportage von Laura Pfundner, Angelina Rebel, Patrick Sieber und Lena van Rutte

Vereine und Anlaufstellen:

147 – Rat auf Draht

Männerberatung Wien

Männerinfo

Papainfo – Verein zur Förderung gleichstellungsorientierter Väterarbeit

poika – Verein zur Förderung von gendersensibler Bubenarbeit

White Ribbon Österreich

WIENXTRA Jugendinfo





Quellen:

https://www.gov.uk/government/news/misogynistic-myths-kicked-out-of-classrooms-to-protect-children

https://www.spiegel.de/panorama/bildung/grossbritannien-schulen-sollen-frauenfeindlichkeit-im-unterricht-behandeln-neue-richtlinie-a-6f18ab31-1d55-45f5-a850-4c581b1acecf

https://www.statistik.at/services/tools/serviceangebote/publikationen/detail/1461

https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-49636-4

https://www.independent.co.uk/news/uk/home-news/andrew-tate-arrest-romanian-trafficking-infuencer-b2275233.html

https://www.derstandard.at/story/3000000262374/wie-erzieht-man-buben-damit-sie-spaeter-nicht-toxisch-werden?

https://www.sueddeutsche.de/leben/kinder-in-der-pubertaet-welche-rolle-die-vaeter-haben-1.1836442

https://wien.orf.at/stories/3332775/

https://www.aoef.at/index.php/zahlen-und-daten