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Cold Case

"Ich weiß, dass er sie umgebracht hat"

Der Vermisstenfall Maria O.

Von Sarah Lechner, Daria Reitsammer, Nina Schlögl und Elina Wazik

März 1982. Die 22-jährige Maria O. erscheint nicht zu ihrer lang ersehnten Sorgerechtsverhandlung um ihren Sohn am Bezirksgericht Amstetten. Dass sie schon Monate zuvor von keinem mehr gesehen wurde, fällt erst an diesem Tag auf. Doch nachgefragt wird trotzdem nicht, vermisst gemeldet wird sie auch nicht – und das 40 Jahre lang.

Triggerwarnung

Diese Geschichte thematisiert sexualisierte Gewalt, Missbrauch, Vergewaltigung, familiäre Gewalt sowie das Verschwinden einer Person und die Ermittlungen in einem möglichen Tötungsdelikt. Die Inhalte können für manche Menschen belastend oder retraumatisierend sein.







Man kann nicht von dem einen auf den anderen Tag verschwinden und es fragt kein Mensch nach.

Andreas G. (Großcousin des Sohnes von Maria O.)

Aber warum fragt keiner nach? Und wer sind die Menschen, die Maria eigentlich vermissen müssten?

Einer davon scheint Arthur B. zu sein, Marias Ex-Freund und Vater ihres gemeinsamen Sohnes Anton (Name wurde geändert). Er behauptet, Maria sei zu ihrem Bruder nach Kanada ausgewandert. Und das glaubt man ihm auch – oder man will es nicht hinterfragen.







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– Ilse Probst, ehemalige Gerichtsreporterin





Die Familie hatte also Angst vor Arthur B. Doch wer war Arthur überhaupt? Und welche Rolle spielt er im Fall Maria O. ?

Es handelt sich um einen der mysteriösesten Vermisstenfälle Österreichs. Doch um ihn zu verstehen, müssen wir ganz an den Anfang zurückgehen.











Kapitel 1

Wer ist Maria O.?

















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Maria O. als Baby

Aufgewachsen in Amstetten ist Maria O. relativ schnell auf sich allein gestellt. Nach dem Tod ihrer Eltern wandert ihr Bruder nach Kanada aus, ihre Schwester nach Deutschland, und obwohl ihr zweiter Bruder bis heute im nahegelegenen Krems wohnt, verlieren sich die beiden aus den Augen. Auch enge Freundschaften oder einen festen Partner gibt es im Leben der gebürtigen Niederösterreicherin nicht – bis Maria 1979 Arthur B. kennenlernt.

Obwohl ihre Beziehung mehrere Jahre andauert und sogar ein Kind hervorbringt, ist sie alles andere als gesund. Arthur misshandelt Maria über längere Zeit psychisch und körperlich. Ihr gemeinsamer Sohn Anton wird dem Paar deshalb noch als Baby vom Jugendamt entzogen und bei Pflegeeltern untergebracht. Für Maria ist es das Erlebnis, das ihr letztendlich die Augen öffnet und ihr den Mut gibt, sich von Arthur zu trennen.

Es dauert nicht lange, bis ein Sorgerechtsstreit zwischen den beiden Ex-Partnern entsteht, der schließlich im März 1982 am Bezirksgericht Melk ausgetragen werden sollte.

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– Andreas G. (Großcousin des Sohnes von Maria O.)

Maria weiß, wie wichtig dieser Tag für sie und ihren Sohn ist. Sie hat sich ein schönes Kleid beschafft. Sie will um das Sorgerecht kämpfen. Doch sie taucht nicht auf.







Ex-Freund Arthur hat dafür eine Erklärung: Sie soll kurzerhand zu ihrem Bruder nach Kanada ausgewandert sein. Eine Behauptung, die damals weder von Marias Umfeld noch den Behörden überprüft wird. Anton wird schließlich von einem Bruder seines Vaters und dessen Frau adoptiert.

40 Jahre lang glaubt man Arthur B.'s Geschichte. 40 Jahre lang wird Maria O. nicht gesucht – bis eine Autofahrt Jahre später alles wieder aufrüttelt.

Kapitel 2

Das Schweigen wird gebrochen



Wir schreiben das Jahr 2019. Mittlerweile sind fast vier Jahrzehnte vergangen, seitdem Maria O. verschwunden ist. Der Sohn von Maria, Anton, ist bereits erwachsen und fragt sich weiterhin, warum seine Mutter ihn zurückgelassen hat. Sein Vater Arthur B. ist zu diesem Zeitpunkt mit Partnerin Doris liiert. Nach einem Besuch bei Anton, scheint die Beziehung auf dem Spiel zu stehen.



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– Sandra (Schwester von Andreas G. und Bekannte von Doris)



Doris verschlägt es die Sprache. Sie traut sich nicht einmal mehr zu atmen und wartet nur darauf, zu Hause anzukommen. Dort flüchtet sie schlagartig aus dem Auto und sperrt sich drei Tage lang in ihrer Wohnung ein.



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– Sandra (Schwester von Andreas G. und Bekannte von Doris)

Halt die Goschn', sonst stecke ich dir eine Blutdrucktablette in den Hals und dann bist du auch zusammengeschlagen und einbetoniert so wie die Maria. Denn ich hinterlasse keine Spuren.

Arthur B. zu Lebensgefährtin Doris auf einer Autofahrt im Jahr 2019, nach Erzählung von Sandra







Sandra ruft ihren Bruder Andreas an und schildert ihm die verstörende Situation. Sie selbst kann das Gehörte zunächst nicht einordnen. Gemeinsam entscheiden die Geschwister, die Polizei zu verständigen, woraufhin Ermittlungen eingeleitet werden.







Zunächst wird überprüft, ob Maria tatsächlich in Kanada ist. Sämtliche Überprüfungen verlaufen negativ: Maria ist nicht in Kanada und sie ist nie dort gewesen.

Doris trennt sich daraufhin von Arthur und sagt gegen ihn aus – ein Schritt, der für sie mit großer Angst verbunden ist. Ihre Aussage markiert allerdings einen Wendepunkt: Das jahrelange Schweigen wird gebrochen.



Kapitel 3

Arthur B.

Der "Clan-Chef"







Maria O. wurde zuletzt lebend im Dezember 1981 gesehen. Nach der falschen Behauptung über ihren Aufenthaltsort von ihrem Ex-Partner, nehmen die Ermittlungen nun Fahrt auf. Arthur B. rückt dabei nicht nur als Tatverdächtiger in den Fokus, sondern auch als zentrale Figur innerhalb eines familiären Machtgefüges. Ermittler:innen stoßen auf Strukturen, die an einen Clan oder sogar an die Mafia erinnern – mit Arthur B. als unangefochtenem Oberhaupt. Aussagen aus dem Umfeld zeichnen das Bild eines Mannes, vor dem sich nahezu alle fürchten.





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Nach längeren Nachforschungen kommen schwere Vorwürfe gegen Arthur ans Licht. Seine eigene Familie sagt gegen ihn aus – ihm werden mehrere Sexualdelikte unterstellt, darunter kontinuierlicher Missbrauch und Vergewaltigungen seiner beiden Nichten von der Kindheit an bis ins Erwachsenenalter.



Laut Gerichtsgutachter gleichen die Folgen, die diese beiden Frauen davontragen, einer körperlichen Querschnittslähmung.

Ilse Probst

Arthur B. beteuert sowohl in diesem als auch in allen anderen Anklagepunkten vehement seine Unschuld. Denn neben Sexualstraftaten soll er in unzählige weitere kriminelle Machenschaften verwickelt sein, darunter Raub, Vermögensdelikte und sogar einen "Sklaven" soll Arthur B. gehabt haben, erzählt Ilse Probst.



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– Ilse Probst

Genau dieser Mann macht ursprünglich eine Aussage gegen Arthur B. bei der Polizei. Arthur wird allerdings kurz nach seiner Inhaftierung wieder aus der Untersuchungshaft entlassen – unter der Auflage, dass er niemanden kontaktieren oder aufsuchen darf, der oder die in irgendeiner Form mit dem Fall zu tun hat. Doch daran hält er sich nicht.

Er sucht seinen hauseigenen "Sklaven" auf und stellt ihn zur Rede. Wie dieses Gespräch verlaufen ist, ist nicht bekannt. Seine Aussage gegen Arthur hat der Mann danach jedenfalls zurückgezogen, weshalb der Anklagepunkt schließlich fallen gelassen wird. Der "Sklave" nimmt sogar in Kauf, dass er wegen Falschaussage vor Gericht beordert und auch bestraft wird.

Bestraft wird auch Arthur B., allerdings ausschließlich im Zusammenhang mit den Sexualstraftaten an seinen Nichten. 2021 wird er zu 13 Jahren hinter Gittern verurteilt, zu einem Haftantritt kommt es jedoch vorerst nicht – angeblich aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen. Auch in Bezug auf sein mögliches Verschulden am Verschwinden von Maria O. gibt es weiterhin keine Beweise, die Arthur B. eindeutig als Täter belasten würden.



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Die Ermittlungen der Polizei scheinen im Sande zu verlaufen und über Monate hinweg tauchen keine neuen Beweise auf. Es herrscht nicht nur große Verwunderung über Arthurs Entlassung – auch die Perspektive der Polizei auf den Fall scheint sich schlagartig zu verändern.



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– Andreas G.





Durch Zufall stößt Sandra genau zu dieser Zeit auf ein Posting vom Verein „Österreich findet euch“, einer Organisation, die Angehörige bei der Suche nach vermissten Personen unterstützt. Sie erzählt Andreas davon und er beschließt kurzerhand den Obmann des Vereins, Christian Mader, in der Hoffnung auf neue Erkenntnisse zu kontaktieren.



Beim Fall Maria O. ist für mich eindeutig, dass es ein Verbrechen ist.

Christian Mader, Obmann Verein "Österreich findet euch"

Kapitel 4

Österreich findet euch



Die Initiative „Österreich findet euch“ bietet Angehörigen in Vermisstenfällen psychologische und juristische Unterstützung. Der Vorsitzende Christian Mader war von 1990 bis 1998 im Wiener Sicherheitsbüro der Bundespolizeidirektion Wien für die Fahndung vermisster Personen und Identifizierung unbekannter Leichen zuständig. Seit Dezember 2015 sammelt er mit seinem Team laufend Informationen zu Vermisstenfällen, dokumentiert Hinweise und stellt Kontakt zu den zuständigen Behörden her.



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In Österreich verschwinden jährlich zwischen 10.000 und 12.000 Menschen. Obwohl die Aufklärungsquote innerhalb eines Jahres bei etwa 98% liegt, gibt es Vermisstenfälle, die jahrzehntelang ungelöst bleiben. Unter solchen Umständen arbeitet "Österreich findet euch" besonders intensiv, und vor allem kontinuierlich mit den Angehörigen zusammen.

Die folgenden Personen sind Stand Jänner 2026 vermisst und ihre Angehörigen von “Österreich findet euch” betreut:

Amaya S., vermisst seit 29.01.2021

Amir H., vermisst seit 29.01.2021

Annermarie Z., vermisst seit 24.06.2023

Attila J., vermisst seit 02.07.2024

Mirko B., vermisst seit 15.03.1995

Christian H., vermisst seit 04.12.2017

Christine S., vermisst seit 07.06.2017

Tabita C., vermisst seit 24.09.2016

Dita D., vermisst seit 10.01.2015

Dušan M., vermisst seit 01.01.2025

Erika F. vermisst seit 01.10.2022

Franz L., vermisst seit 29.11.2019

Gabriele B., vermisst seit 23.07.1990

Carmina C., vermisst seit 08.08.2017

Aeryn Michael John G., vermisst seit 29.10.2007

Gottfried M., vermisst seit 25.09.2025

Herbert Josef L., vermisst seit 01.07.1990

Zbyněk H., vermisst seit 30.07.2022

Illuka B., vermisst seit 17.10.2024

Matthias K., vermisst seit 05.08.2016

Kurt U. vermisst seit 19.11.2025

Adrian L., vermisst seit 25.09.2017

Maria H., vermisst seit 25.05.2020

Matthias H., vermisst seit 30.04.2025

Obrad I., vermisst seit 09.08.2023

Riccardo B., vermisst seit 13.10.2024

Rida Z., vermisst seit 30.05.2021

Rita Mónika B., vermisst seit 04.09.2013

Robert B., vermisst seit 05.09.2025

Roland S., vermisst seit 13.10.2025

Paco M., vermisst seit 02.07.2015

Marianne S., vermisst seit 21.05.2017

Elfriede S., vermisst seit 23.07.1980

Stefan G., vermisst seit 29.08.2015

Andreas V., vermisst seit 15.08.2018

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– Christian Mader

Angehörige von Vermissten sind keine Täter oder Beschuldigte, sondern sie sind Opfer.

Christian Mader

"Österreich findet euch" setzt deshalb seinen Fokus nicht nur darauf, die Vermissten Personen zu finden, sondern vor allem auf die psychologische Betreuung der Angehörigen, für die zuständige Behörden oft wenig Ressourcen haben.



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Als Christian Mader von Andreas vom Fall der verschwundenen Maria O. erfährt, beschließt er, die Angehörigen zu unterstützen – vor allem, weil Andreas das Gefühl hat, von den zuständigen Behörden nicht ausreichend ernst genommen zu werden.



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Gemeinsam untersuchen sie das Verschwinden und die bisher gesammelten Hinweise genauer. Andreas erinnert sich dabei an fragwürdige Ereignisse, die das Verschwinden von Maria O. erklären könnten.

Was haben ein Haus in Neumarkt, ein Ribiselkuchen und ein Gartenzaun mit Maria O. zu tun?



Kapitel 5

Wo ist Maria?

Viele Erlebnisse aus seiner Kindheit kamen Andreas seltsam vor, wirklich hinterfragt hat er sie aber nicht. Heute fügt sich alles zusammen. Da war zum Beispiel diese Sache mit dem Ribiselkuchen.

An einem Sommertag sitzt die ganze Familie zusammen in der Küche im Haus von Arthurs Bruder Stefan in Neumarkt an der Ybbs. Es riecht nach frisch gebackenem Ribiselkuchen und Kaffee. Als Arthur B. den Raum betritt, nimmt er sich ein Stück vom Kuchen, beißt ab und fragt: "Woher habt's denn die guten Ribiseln?" "Na unten aus dem Garten", ist die Antwort. Arthur erstarrt, eilt zum Waschbecken und spuckt den Kuchen sofort wieder aus.

Am nächsten Tag werden auf Arthurs Befehl hin alle Ribiselstauden ausgerissen – und das war nicht der einzige Vorfall, der Fragen aufwirft.

Genau dieses Haus in Neumarkt wird Jahre später verkauft – und das zu einem Spottpreis.

In den 90er Jahren will Stefan die Liegenschaft möglichst schnell loswerden. Obwohl ein Verkaufspreis von rund einer Million Schilling realistisch gewesen wäre, verkauft er das Haus schließlich an seinen Bruder Arthur B. – für lediglich 60.000 Schilling.



Das Haus hättest du nicht gewollt, das hätte ich nicht gewollt und auch niemand sonst. Du weißt nicht was sich da abgespielt hat. Und Schuld hat nur der Arthur.

Stefan zu Onkel Karl nach Erzählungen von Andreas



Stefan baut anschließend direkt nebenan neu – doch auch dort zieht er nie ein. Wenige Kilometer weiter lässt er ein weiteres Haus bauen, in dem er schließlich wohnt. Doch warum das ganze? Was stimmt nicht mit dem Haus?

Im Jahr 1982 plant Stefan, die Grundfeste seines Gartenzaunes zu betonieren. Er informiert zuvor einige Familienmitglieder, darunter auch Andreas G., die ihm dabei helfen sollten.

Als die Helfer:innen an jenem Tag bei Stefans Grundstück auftauchen, stellen sie fest, dass die Betonierarbeiten bereits erledigt sind. Arthur erklärt ihnen, dass er mithilfe seines Bruders Stefan und seiner Cousine Apollonia, die zum damaligen Zeitpunkt auch seine Freundin war, bereits händisch betoniert hätte – und zwar mitten in der Nacht. Dabei war für den nächsten Tag eigentlich ein Mischwagen bestellt.



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– Christian Mader





Daraufhin bricht ein Streit aus. Die Familie kann nicht verstehen, warum Stefan und Arthur mit den Bauarbeiten nicht, wie geplant, auf sie gewartet hatten. Arthur argumentiert damit, dass der Mischwagen für den Garten ohnehin zu breit gewesen wäre und sie den Beton deshalb lieber selbst mit der Mischmaschine anmischen wollten.

Andreas hat eine Vermutung, was sich da wirklich zugetragen haben könnte.

Ich bin mir sicher, dass der "Guff"(Spitzname für Arthur B.) die Maria beim Gartenzaun machen verschwinden hat lassen.

Andreas G.

Aber wie kommt er darauf?





Zwei Tage vor der nächtlichen Betonieraktion erhält Stefan einen Anruf seines Bruders Arthur B., der ihn bittet mit seinem Pritschenwagen vorbeizukommen. Arthur habe noch etwas, das auf die Baustelle transportiert werden müsse, also macht sich Stefan spät abends auf den Weg. Als er beim Haus seines Bruders ankommt, lädt dieser etwas auf den Transporter. Anschließend machen sich die beiden auf den Rückweg zu Stefans Grundstück.

Als Stefan seinen Bruder fragt, was sich denn unter der Plane befindet, offenbart Arthur ihm, dass es sich um den Leichnam von Maria O. handelt.

Unter der schwarzen Plane liegt die Maria.

Arthur B. zu seinem Bruder Stefan, nach Erzählungen von Andreas

Plötzlich machen die Worte "Ich betonier dich ein wie die Maria.", die Arthur zu Doris gesagt hat, Sinn. Alles deutet darauf hin, dass Maria in jener Nacht auf diesem Grundstück in das Fundament des Gartenzaunes einbetoniert wurde. Behördlich überprüft wurde dieser Verdacht schließlich nur aufgrund folgender Aussage:



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Dieser Hinweis sorgt Jahre später dafür, dass auf dem Grundstück nach den sterblichen Überresten von Maria gegraben wird.

Kapitel 6

Das Leichentuch

Die Grabungen sollten ein Durchbruch im Fall Maria O. sein. Vor allem Christian Mader und Andreas G. sind sich sicher, dass man so auf Marias Leichnam stoßen würde. Doch die insgesamt fünf Grabungen verlaufen nicht wie erhofft.

Bei einer wird lediglich ein paar Zentimeter tief gebohrt, eine weitere findet am Nachbarsgrundstück statt. Bei einer privaten Grabung wiederum durfte nicht tief genug gegraben werden.



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– Christian Mader



Ein entscheidender Fund bleibt aus. Das dachte man zumindest, bis Marias Sohn Anton die Polizeiakten sichtet.

Anton sucht seit Jahren vergebens nach seiner Mutter und stößt bei Einsicht in die Akten auf das Foto eines Tuchs.





Es handelt sich um ein Tuch, das bei der zweiten Grabung gefunden wurde. In den Akten findet sich jedoch lediglich ein Foto dieses Tuchs. Ein Gutachten dazu existiert nicht. Auch als offizielles Beweismittel ist das Tuch nicht registriert – und wo es sich befindet ist bis heute unklar.



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Von diesem Zahnarzt mit Expertise in der Implantologie lässt Christian Mader ein Gutachten verfassen, das über zehn Seiten hinweg beschreibt, warum das besagte Tuch mit höchster Wahrscheinlichkeit ein Leichentuch ist.

Der Zahnarzt hat anhand der Zähne im Detail erklärt, warum das ein Schädel ist und wir haben sogar einen Abdruck vom Ohr gefunden.

Christian Mader

Da es sich bei diesem Zahnarzt aber um keinen gerichtlich beorderten Experten handelt, wird das Gutachten nicht genehmigt und das Tuch weiterhin nicht als Beweismittel betrachtet. Christian Mader möchte das so nicht stehen lassen und sucht deswegen nach einem anderen Weg.







Er beauftragt einen hoch angesehenen Forensiker aus Deutschland und bittet ihn um eine neue Einschätzung. Dieser bestätigt das ursprüngliche Gutachten des Zahnarztes, gibt Christian Mader aber auch deutlich zu verstehen, dass ohne das Tuch nichts konkret bewiesen werden kann.

Dazu müsste man es etwa auf Blut- und DNA-Spuren untersuchen. Laut der Polizei sei das nach Ausgrabung des Tuchs gemacht worden. Christian Mader bezweifelt das aber, da er aus seinen Jahren als Ermittler weiß, dass es keine DNA-Untersuchung ohne Laboranalyse gegeben haben kann.



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Kapitel 7

Cold Case Maria O.

Fünf Grabungen. Ein Leichentuch. Und dennoch fehlt seit über 40 Jahren jede Spur von Maria O.. Für Christian Mader steht dennoch fest: All die Arbeit war nicht Vergebens.



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Nachdem Arthur B. im Jahr 2021 aufgrund mehrfacher Sexualdelikte zu 13 Jahren Haft verurteilt wird, tritt er seine Strafe zunächst nicht an. Unmittelbar nach dem Urteil legt er Berufung sowie eine Nichtigkeitsbeschwerde ein. Gleichzeitig gilt er als haftuntauglich. Ab dem dritten Prozess fängt Arthur B. zunehmend an mit medizinischen Hilfsmitteln zu erscheinen – mit Gehhilfe und Atemgerät. Er versucht seine Haftunfähigkeit glaubhaft zu machen. Private Videos und Fotos von Arthur B. zeichnen jedoch ein anderes Bild und lassen Zweifel an seiner gesundheitlichen Verfassung aufkommen.



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Im Februar 2023 ist es dann aber soweit: Arthur B. wird für die Sexualstraftaten an seinen Nichten verhaftet. Gerichtsreporterin Ilse Probst hat in ihrer Karriere über 4000 Prozesse mitverfolgt, auch das Verfahren des Inzestvaters von Amstetten, Josef Fritzl.

Der Fall rund um Arthur B. hat für mich den Josef Fritzl eindeutig übertroffen. Nicht nur, weil er über 40 Jahre damit davongekommen ist, sondern auch, weil so viele weggeschaut haben müssen.

Ilse Probst

Ilse Probst hat später erfahren dass Arthur B. und Josef Fritzl seinerzeit gute Bekannte waren. Sie zieht auch einige Parallelen zwischen den beiden Fällen und den beiden Personen.



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Arthur B. war ein Straftäter – aber ob er auch Mord begangen hat, bleibt wohl für immer eine offene Frage. Denn: Am 28. Dezember 2024 stirbt Arthur B. im Gefängnis. Mit seinem Tod endet das Strafverfahren.

Bis heute ist nicht eindeutig geklärt, was Maria O. tatsächlich widerfahren ist. Widersprüchliche Aussagen, fehlende Beweise und nicht rekonstruierbare Abläufe längst vergangener Ereignisse lassen Fragen unbeantwortet. Welche Verantwortung Arthur B. tatsächlich trug, was er wusste oder verschwieg, nimmt er mit ins Grab.

Trotzdem hofft Andreas, dass Maria eines Tages doch noch gefunden wird. Er erinnert sich noch daran, als der Fall ins Rollen kam:



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Trotzdem ist sich Andreas sicher:

Ich weiß, dass er sie umgebracht hat, dass er's war, die Drecksau. Aber was soll ich machen?

Andreas G.







Und wer weiß, vielleicht wird Maria ja doch noch gefunden. Der Mordfall Maria O. ist zwar geschlossen, doch die Vermisstenakte bleibt offen.

Redaktionshinweis

Für diese Multimedia-Story wurde umfangreiche Eigenrecherche betrieben. Zentrale Informationen und Kontext stammen aus der journalistischen Arbeit von "Österreich findet euch", insbesondere aus Recherchen von Christian Mader.

Sollten Sie Informationen zu vermissten Personen haben oder selbst jemanden vermissen, melden Sie sich beim Verein Österreich findet euch. Hier geht es auch zu den Social Media Kanälen des Vereins:

Statistische Angaben und Daten zu vermissten Personen stammen aus Veröffentlichungen des Bundesministeriums und basieren auf den dort abrufbaren Zahlen.



Transparenzhinweis

Die in dieser Reportage verwendeten Bleistiftzeichnungen, wurden mithilfe künstlicher Intelligenz erstellt, wobei es sich bei den Zeichnungen der Personen Arthur B. und Doris, des Kleides, der Akte, des Justizhammers, der Polizei, des Ribiselkuchens, des Hauses, der Mischmaschine und des Pritschenwagens um Symbolbilder handelt. Bei den Bleistiftzeichnungen der Personen Ilse Probst, Christian Mader, Andreas G. und Josef Fritzl handelt es sich um realitätsgetreue KI-generierte Bilder dieser Personen. Die gezeigten Fotografien von Maria O., der vermissten Personen im Bilderkarussell, der Grabungen, des medizinischen Gutachtens und des Leichentuchs sind hingegen echt und nicht KI-generiert.