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Luna Winder, Laura Wurm, Tobias Lammer

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Kampf ums Überleben

Warum Österreichs Kleinbauern verschwinden

Redaktion: Luna Winder, Laura Wurm und Tobias Lammer Fotos: Johannes Steurer





















Österreich zeigt sich gern als Land der gepflegten Landschaften.

Grüne Wiesen, sanfte Hügel, Almen, Holzstadel. Dazwischen Höfe, die wirken, als wären sie schon immer da gewesen.

Landwirtschaft ist hier mehr als ein Wirtschaftszweig. Sie prägt das Bild des Landes, sie hält die Kulturlandschaft offen, sie schafft regionale Produkte, Identität und Tourismus. Bauernhöfe gelten als Teil des kulturellen Erbes, als etwas Beständiges.

Viele dieser Höfe sind klein. Familienbetriebe, oft über Generationen geführt. Sie bewirtschaften Flächen, die nicht industrialisiert wirken, sondern gewachsen. Besonders in Bergregionen sind sie es, die steile Wiesen mähen, Almen erhalten und Dörfer beleben.

Dieses Bild ist vertraut. Und genau deshalb wirkt es so selbstverständlich.

Doch hinter dieser Selbstverständlichkeit beginnt sich etwas zu verschieben.







In Österreich schrumpft die bäuerliche Landwirtschaft spürbar: Laut der jüngsten Agrarstrukturerhebung ging die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe zwischen 2020 und 2023 um fast neun Prozent zurück, das entspricht knapp 9.745 aufgehobenen Höfen in nur drei Jahren.



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Besonders betroffen sind kleine, familiengeführte Betriebe, die oft im Nebenerwerb geführt werden und unter wirtschaftlichem Druck, schwieriger Hofnachfolge und geringer Rentabilität leiden. Gleichzeitig steigt die durchschnittliche Betriebsfläche, was auf einen Trend zu größeren Betrieben und Flächenkonzentration hindeutet.





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Birgit und Stefan Gmeiner führen einen Bauernhof in Alberschwende in Vorarlberg. Seit mehreren Generationen bewirtschaftet ihre Familie den Betrieb mit Rindern und Kühen. Der Hof umfasst zehn Hektar Eigenfläche, weitere vier sind gepachtet. Genau solche kleinflächigen Betriebe gelten seit Jahrzehnten als besonders gefährdet.





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In der österreichischen Landwirtschaft verschieben sich seit Jahren die Größenverhältnisse. Wo früher deutlich mehr kleine Höfe das Bild prägten, nimmt heute vor allem die Zahl flächenstarker Betriebe weiter zu.

Parallel dazu ist auch die durchschnittlich bewirtschaftete Fläche pro Betrieb kontinuierlich gewachsen. Über die vergangenen Jahrzehnte verteilen sich landwirtschaftliche Nutzflächen auf immer weniger Höfe, ein Hinweis darauf, dass Betriebe größer werden, während kleinere Einheiten vom Markt verschwinden.



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Dieser Strukturwandel bedeutet nicht nur weniger Höfe, sondern auch eine Veränderung der ländlichen Gesellschaft: jeden Tag schließen in Österreich rund neun landwirtschaftliche Betriebe.

Während manche Höfe auf innovative Nischen setzen, etwa Direktvermarktung oder biologischen Anbau, bleibt der Druck auf die kleinen Betriebe hoch. Viele junge Menschen sehen in der Landwirtschaft keine zukunftsfähige Perspektive mehr, was den Mangel an Hofnachfolgen weiter verschärft.





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Für viele bäuerliche Betriebe wird die Verwaltung zum zweiten Beruf.

Wie bei Birgit und Stefan Gmeiner kann ein falsch ausgefülltes Förderformular nicht nur Stress bedeuten, sondern auch finanzielle Risiken nach sich ziehen. Bauern und Bäuerinnen müssen nicht nur Förderanträge stellen, sondern auch umfangreiche Dokumentationen führen: von Fütterungsplänen über Flächennutzungsnachweise bis zu Kontrollberichten für Bio-Zertifikate, die gesetzlich vorgeschrieben sind und regelmäßig überprüft werden müssen.

Gerade im Bio-Bereich greifen nicht nur die EU-Bio-Verordnung, sondern zusätzlich Verbands- und Kontrollrichtlinien, die detaillierte Produktions- und Fütterungsvorschriften enthalten und genaue Aufzeichnungen verlangen. 

Diese administrativen Anforderungen werden von vielen Landwirt:innen als enorme Belastung wahrgenommen.

In einer Befragung des Landwirtschaftsministeriums zur Lage der Landwirtschaft werden Dokumentationspflichten und Bürokratie ganz oben in der Liste der Herausforderungen genannt, oft noch vor wirtschaftlicher Unsicherheit oder Arbeitsbelastung. 

Unterstützung gibt es zwar etwa durch Beratungs- und Umstellungsservices der Landwirtschaftskammern oder Bio-Verbände, doch Outsourcing dieser Arbeit ist für kleine Betriebe selten eine Option, wirtschaftlich schlicht nicht darstellbar. So verbringen viele Bauern und Bäuerinnen große Teile ihrer Woche nicht nur im Stall, sondern am Schreibtisch zwischen Formularen, Kontrolllisten und Verwaltungssoftware, um den komplexen Anforderungen zu genügen.





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Martin Geser ist Dozent an der FH Vorarlberg, landwirtschaftlicher Sachverständiger und selbst Bauer. Tatsächlich hat sich die Rolle der Agrarförderungen innerhalb der Europäischen Union in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verändert:

Während die Landwirtschaft Anfang der 1980er-Jahre noch einen Großteil des EU-Budgets ausmachte, ist ihr Anteil seither stark gesunken. Lag er damals bei rund 73 Prozent, entfällt heute nur noch etwa ein Viertel des EU-Haushalts auf die Agrarpolitik, obwohl das Gesamtbudget der EU im selben Zeitraum deutlich gewachsen ist.



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Viele kleine Landwirtschaftsbetriebe sind heute stark auf EU-Fördermittel angewiesen, weil ein großer Teil ihres Einkommens aus Direktzahlungen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) stammt.

Die bisherigen Förderregeln verteilen Geld überwiegend nach bewirtschafteter Fläche: Je mehr Hektar ein Betrieb hat, desto höher sind die Zahlungen – ein System, das große Betriebe begünstigt und kleinere im Vergleich schwächer stellt. Für viele dieser kleineren Höfe ist der Erhalt der Existenz ohne diese Zahlungen schwer vorstellbar, was sie in hohem Maße von politischen Rahmenbedingungen abhängig macht.





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Sich aus der Abhängigkeit von Förderungen zu lösen und den eigenen Betrieb wirtschaftlich eigenständig zu führen, dieses Ziel teilen Stefan und Birgit Gmeiner mit vielen kleinstrukturierten Landwirt:innen.

In Befragungen im Rahmen der Vision 2028+ nennen viele Landwirt:innen die Wirtschaftlichkeit ihres Betriebs als eine der größten Herausforderungen. Mehr als die Hälfte der Befragten bewertet ihre aktuelle Einkommenslage als unzureichend, was zeigt, dass die ökonomische Tragfähigkeit der Betriebe ein zentrales Thema ist.

In der Praxis gelingt das jedoch nur selten. Zahlreiche Betriebe werden deshalb im Nebenerwerb geführt oder ganz aufgegeben, weil die Einnahmen aus der Landwirtschaft allein nicht ausreichen und Absatzmöglichkeiten begrenzt sind.

Der Schritt zu einem vollzeitlich geführten Hof ist für viele keine realistische Option: Er erfordert Investitionen, Planungssicherheit und stabile Einkommen – Voraussetzungen, die kleinen Betrieben oft fehlen.









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DOCH, WAS JETZT?



Julia Moser von der Perspektive Landwirtschaft, kritisiert dass das derzeitige Fördersystem (GAP) kleine Betriebe strukturell benachteiligt, weil Gelder vor allem nach Flächen statt nach Leistungen verteilt werden. Dadurch profitieren vor allem große Betriebe, während kleine Höfe im Wettbewerb und unter dem hohen Preisdruck leiden.

Das Höfesterben ist kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis politischer und ökonomischer Rahmenbedingungen.

Julia Moser

Neben fehlender Nachfolge und hoher Arbeitsbelastung zähle hier auch die mangelnder Wertschätzung der Leistungen kleiner Betriebe dazu.

Perspektive Landwirtschaft ist ein österreichischer, gemeinnütziger Verein, der sich seit 2013 für den Erhalt einer vielfältigen, kleinstrukturierten Landwirtschaft einsetzt. Durch Vernetzungsangebote ermöglicht die Organisation neue Wege der Hofübergabe, auch außerhalb der Familie.

Als Lösungsansätze fordert die Organisation mehr außerfamiliäre Hofübergaben, erleichterte Existenzgründungen für Neueinsteiger:innen, sowie stärkere Beratung und Begleitung bei Übergabeprozessen.

Außerdem plädiert sie für faire Preise und eine Entbürokratisierung, damit kleinstrukturierte Landwirtschaft wirtschaftlich tragfähig bleibt und ihren Beitrag zur Versorgungssicherheit, zur Kulturlandschaft und zur Biodiversität leisten kann.







Redaktion: Laura Wurm, Luna Winder, Tobias Lammer

Interviews: Luna Winder, Laura Wurm

Dreh/Schnitt: Laura Wurm, Luna Winder