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Klettern

40 Meter über dem Boden klemmt David seine Zehenspitze in einen kleinen Riss in der kalkigen Felswand. Sein linker Arm hält seinen 82 kg schweren Körper in Balance – den rechten schüttelt er kurz aus und nutz die Pause, um zu überlegen, wie er seinen nächsten Schritt setzt. Fallen ist hier keine Option.

Wie fühlt es sich an, steile Wände zu erklimmen? Sich dem nackten Fels zu stellen und sich höchster körperlicher und mentaler Anstrengung auszusetzen? Was treibt Menschen dazu an, diese Gefahren in Kauf zu nehmen? Über Schluchten zu tanzen und dabei immer nur ein Ziel vor Augen zu haben: den Gipfel.

David Untersmayr weiß genau, wie es sich anfühlt. Der angehende Bergführer ist bereits Routen wie die Weisshorn Nordostwand, die Zauberflöte im Langental oder die Eiger-Nordwand geklettert. Zur Orientierung: Beim Erklimmen der Eiger-Nordwand verloren 70 Menschen ihr Leben. David hat es bis ganz nach oben und wieder zurück geschafft. Warum ist Klettern seine große Leidenschaft?

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Die Berge haben David schon lange verführt. Doch allein kommt man dort oben nicht weit. Der Österreichische Alpenverein bietet Berg- und Kletterbegeisterten die Möglichkeit, gemeinsam die Bergwelt zu erkunden. Auch David ist seit 2006 Mitglied.

Bergsport in Gemeinschaft

Mittlerweile zählt der ÖAV knapp 650.000 Mitglieder und gliedert sich in 195 Sektionen. Damit ist er der größte Bergsportverein Österreichs. Die Sektionen des ÖAV werden von rund 25.000 freiwilligen Mitarbeitenden vorangetrieben. Ohne ihre ehrenamtliche Beteiligung wäre eine österreichweite und länderübergreifende Vereinsarbeit des ÖAV nicht denkbar.

Die Gründungssektion des Vereins ist die Sektion Austria in Wien – ein Grundbaustein des Österreichischen Alpenvereins. Im istrischen Osp, einem knapp 2.000 Einwohner-Dorf im Südwesten Sloweniens, hat sich die Jugendmannschaft der Gründungssektion zu einem Klettercamp versammelt. Das Sportklettergebiet rund um das slowenische Dorf gehört zu den bekanntesten Kletter-Hotspots Europas. Osp ist ein Ort, an dem schon Kletterrekorde gebrochen wurden: Hier wurde die erste 9a Route in Europa geklettert.

Skalierte Herausforderung

Schwierigkeitsgrade von Kletterrouten werden weltweit nach unterschiedlichen Skalen bewertet. Im Klettergebiet Osp bedienen sich die Kletter:innen der französischen Schwierigkeitsskala. Danach wird der Schwierigkeitsgrad einer Route auf einer Skala von 1 bis 9c steigend bewertet. Die französische Kletterskala hat sich international, aber vor allem in europäischen Klettergebieten, durchgesetzt. Routen mit kleinen Zahlen sind leichter zu erklettern als Routen mit großen Zahlen.

Ab dem französischen Schwierigkeitsgrad 5 werden die Zeichen “-” oder “+” zu addiert, um den Grad der Route detaillierter beschreiben zu können. Eine 7a weist demnach einen höheren Schwierigkeitsgrad auf als eine 7a- und einen niedrigeren als eine 7a+. Unterschiedliche Routenabschnitte können demnach auch unterschiedliche Schwierigkeitsgrade aufweisen. Eine Kletterroute wird immer nach ihrem schwierigsten Abschnitt eingestuft.

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Das Sportklettergebiet teilt sich in Bereiche unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade auf. Ein Highlight ist die gewaltige Felsschüssel von Misja Pec, eines der europaweit beliebtesten Ziele für Kletterenthusiast:innen. Dort finden Bergsportbegeisterte eine große Auswahl an Vorzeigesektoren in den oberen Schwierigkeitsgraden. Touren von 6c+ bis 9a lassen die Herzen von sogenannten Hardmovern höher schlagen. Zum Üben und leichteren Aufstieg finden sich auch einfachere Routen im Bereich 6a bis 6c+. Doch das Besondere an Osp sind zweifelsohne die steilen, athletischen Ausdauerrouten auf goldgelbem Kalkstein.

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Die wichtigste Vorbereitung vor großen Touren: Den oder die richtige Partner:in finden. Detaillierte, gemeinsame Planung vorab ist das A und O jeder großen Bergtour. David stellt sich deshalb mit seinem Partner oder seiner Partnerin vor jeder großen Tour die Frage: Können wir das, sowohl körperlich als auch mental?

Anschließend geht es an die Strategie: Welches Material wird benötigt, was sind Start- und Endpunkt der Route, wo gibt es eventuelle Umkehrpunkte und welche Stellen können sich als potenzielle Gefahrenstellen etablieren?

Sicherheit ist Planung


Planung ist der unabdingbare Grundstein einer Klettertour, bestätigt David. Darüber hinaus geht es um körperliche Vorbereitung: Genügend Schlaf und Nahrung vorab sind wesentlich, um reichlich Kraft und Energie zu tanken. Denn am Tag der Tour heißt es meistens: Früh aufstehen. Wenn es um Mitternacht zur nächsten Bergtour losgeht, bleibt nicht viel Zeit, die Schlummertaste zu drücken.

Hingabe zur Route, Sicherheit und Selbstbewusstsein sind drei essenzielle Grundpfeiler einer jeden Klettertour. Das richtige Mindset ist notwendig. Doch Verbissenheit und unnötige Risikobereitschaft haben hier keinen Platz. David ist überzeugt: Jedes Risiko muss absehbar und kalkulierbar sein. Denn jede Tour ist auch dann schön, wenn man umdreht. Lieber geht man einen sicheren Schritt zurück, als einen unumkehrbaren Schritt zu weit.

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Gefahren

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Unkontrollierte Gefahr und unschätzbares Risiko: Das und viel mehr assoziieren viele Menschen mit dem Klettersport. Doch Klettersport hat damit Nichts zu tun. Klettersport ist kontrolliert. Klettersport ist Planen, Abschätzen und Kalkulieren, sicheres Fortschreiten und etwaiges Umdrehen.

Klettersport ist kein Spiel mit der Natur und schon gar kein Spiel dem Leben. Klettersport ist Kondition, Konzentration und Hingabe zur Natur. Vertrauen in sich selbst und in Personen, mit denen Erfolgsmomente wie Tourenabbrüche erlebt werden. David weiß, was es heißt, sich gefährlichen Situationen auszusetzen. Und weiß auch: Das Leben ist viel zu schön, um unkontrollierte Risiken einzugehen.

Gegenseitiges Vertrauen

Bergsport lebt von gegenseitigem Vertrauen und dem Teilen von schönen wie schwierigen Momenten – mit Menschen, die dasselbe Mindset verfolgen. So wie David denkt auch die Jugendmannschaft, die sich hier in Osp versammelt hat. Die Community berichtet, warum der Bergsport gerade in einer Gemeinschaft so viel Spaß macht und so Vieles lehrt, das man im Alltag übersehen würde.

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Community

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Wie groß ist die Klettercommunity in Österreich? Genaue Zahlen und Daten gibt es dazu nicht. Denn einerseits ist der Klettersport so vielseitig und umfasst zahlreiche unterschiedliche Disziplinen wie Eisklettern, Klettersteig gehen aber auch Freiklettern oder Bouldern. Andererseits muss man kein Mitglied bei einem Verein sein, um in Österreich klettern zu können. Doch dass der Sportbereich immer beliebter wird, merken nicht nur die Menschen in der Community selbst, sondern bestätigen auch Zahlen. So hat der Alpenverein zum Stichtag 31.12.2021 rund 48.000 Mitglieder mehr verzeichnet als noch im Vorjahr. Der größte alpine Verein Österreichs zählt zu besagtem Zeitpunkt damit fast 650.000 Mitglieder.

Die Klettercommunity vergrößert sich also kontinuierlich. Zeit, einen tieferen Blick auf die Zusammensetzung zu werfen. Beginnen wir beim Alter: Das Durchschnittsalter der Mitglieder im österreichischen Alpenverein beträgt 42,7 Jahre. 28,98 Prozent der Mitgliedersind jünger als 30 Jahre. Das älteste Alpenvereinsmitglied war zum Stichtag(31.12.2021) 105 Jahre alt (Alpenverein Vorarlberg), das jüngste war 6 Tage alt. Und die Geschlechterverteilung? Der Frauenanteil steigt laut Alpenverein kontinuierlich an. Zum Stichtag im Jahr 2021 lag er bei den Mitgliedern bei 45,43 Prozent. Das Präsidium setzt sich derzeit aus vier Männern und drei Frauen zusammen.

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Der Weg zu einer diversen Klettercommunity war alles andere als leicht. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als der alpine Tourismus langsam Fahrt aufnahm, gehörte der Berg ausschließlich jungen, wohlhabenden Männern. Für Frauen war auf den Bergen damals nur wenig Platz. Mutige Frauen stellten sich dem entgegen. Zum Beispiel die Britin Lucy Walker, die am 22. Juli 1871 als erste Frau das Matterhorn erklimm – in bodenlangem Rock. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden die ersten alpinen Vereine gegründet. Frauen waren dort nicht zugelassen. Erst einige Jahrzehnte später wurden reine Frauenvereine gegründet.

Heute sind Frauen in den Alpenvereinen (und in den Alpen) herzlich Willkommen. Das Verhältnis zwischen Männern und Frauen ist zwar noch immer nicht ganz ausgeglichen, doch bewegt sich dahin. Und das ist gut so, denn der Klettersport lebt vor allem von Gemeinschaft und gegenseitigem Austausch. Und um diesen zu erreichen, ist eine möglichst diverse Community von Vorteil. Doch wie divers fühlt sich die österreichische Klettercommunity für die Menschen in ihr an?

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Klima

Klettern bedeutet für viele: Gefahr. Gefahr durch unterschätztes Risiko, Gefahr durch unkontrolliertes Verhalten, Gefahr durch das Setzen unbedachter Schritte mit unbekannten Folgen. Doch es sind nicht Kletter:innen, die sich unkontrollierter Gefahr aussetzen. Es besteht höchste Gefahr für die Natur um uns, die wir so intensiv nützen, gar verbrauchen, und die uns das Leben und Erleben des Bergsports erst möglich macht.

Alarmstufe Rot

Dass unsere Natur einer immer größer werdenden, unberechenbaren Gefahr ausgesetzt ist, bestätigen Zahlen, Daten und Fakten: Bis zum Jahr 2100 sollen die Alpen weitgehend eis- und gletscherfrei sein. Diese Prognose stellen Forscher:innen der Schweizer Fachzeitschrift The Cryosphere. Wenn nicht akut Etwas gegen den fortschreitenden Klimawandel unternommen wird, werden zukünftige Generationen den Bergsport, wie er heute noch möglich ist, nicht mehr erleben können.

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Der Österreichische Alpenverein (ÖAV) ist seit 2005 eine anerkannte Umweltorganisation nach dem UVP-Gesetz. Als Anwalt der Alpen liegen die Aufgabenbereiche des ÖAV im Naturschutz, im Erhalt der alpinen Raumordnung und in der Umweltbildung. Als oberstes Ziel verfolgt der Alpenverein, den alpinen Natur- und Lebensraum bestmöglich zu erhalten.

Schon seit seiner Gründung im Jahre 1862 setzt sich der ÖAV für bedrohte Naturräume in den Alpen ein – ohne gesetzliche Verankerung. Alpinismus und Hüttenwesen wurden nach und nach zu einer konstitutiven Säule der Vereinsarbeit. Im Jahre 1880 wurde die erste Schutzwaldsanierung durchgeführt, bis der Naturschutz im Jahre 1927 schließlich in die Vereinsstatuen aufgenommen wurde.

NUS für mehr Umweltschutz

Schon seit 40 Jahren gibt es im ÖAV eigens etablierte Gruppen, die sich in ihrem Wirken auf bestimmte Themen fokussieren. Eine davon ist die Gruppe für Natur- und Umweltschutz, kurz NUS. Im Jahr 2019 hat sich aus jener ein eigener Klimaarbeitskreis entwickelt, dessen Arbeit sich gänzlich auf klimakritische Themen fokussiert. Dazu zählen die Vermeidung von Treibhausgasemissionen sowie die Reduktion des ökologischen Fußabdrucks durch den Bergsport.

Marie-Luise Eckelsberger ist Leiterin des Klimaarbeitskreises und hauptamtlich für die Öffentlichkeitsarbeit des ÖAV tätig. Inwiefern sich der Klimawandel auf den Bergsport auswirkt und wie Bergsportler:innen und der ÖAV einen Beitrag zur Verlangsamung der Klimakrise leisten können, erzählt sie im folgenden Interview.

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Murenabgänge, Extremwetter, zerstörte Wege. Die Klimakrise ist also auch im Klettersport schon deutlich spürbar. Und vor allem: Sie wird in den nächsten Jahren noch um einiges spürbarer werden – wenn nicht akute und schwerwiegende Maßnahmen gesetzt werden.

Der Berg und das Auto

Der größte CO2-Verursacher ist laut Treibhausgas-Bilanz des österreichischen Umweltbundesamtes der Verkehrssektor. 2019 betrug dieser nach einer Statista-Umfrage 30,1 % des gesamten CO2-Aufkommens in Österreich. Das österreichische Umweltbundesamt bestätigt: Der Verkehrssektor und die Emission fossiler Kraftstoffe sind ein markanter Grund für steigende Treibhausgasemissionen in Österreich.

Mit dem Auto zum Berg, durch Täler und am besten noch lange, idyllische Panoramastraßen entlang: Der Bergsport boomt, doch gleichzeitig auch der PWK als beliebtes Fortbewegungsmittel zu Europas schönsten Bergsportdestinationen. Die Klimakrise und das damit einhergehende Risiko einer vollkommenen Gletscherschmelze liegen also zu einem großen Teil im Fortbewegungsverhalten jedes Einzelnen. Gezielte Maßnahmensetzung gegen das Fortschreiten des Klimawandels liegen also nicht nur in der Verantwortung des Flug- und Straßenverkehrs, sondern auch in den Händen überregionaler Organisationen – wie dem ÖAV.

Umweltfreundlicher Bergsport

Das Mobilitätsverhalten der Bergsportler:innen hat eine direkte Auswirkung auf die Umweltfreundlichkeit ihres Sports. Ein wichtiges Kriterium für nachhaltiges Klettern ist daher die Entscheidung für eine lokale Route. Sollte eine öffentliche Anreise nicht möglich sein, versuchen viele Kletterer:innen zumindest Fahrgemeinschaften zu bilden, um so den CO2-Ausstoß pro Kopf zu verringern. Der Alpenverein versucht mit den verschiedensten Projekten – Klimaticket, Fahrgemeinschaften, Klimabus – seine Mitglieder dabei zu unterstützen.

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Klettern bedeutet Adrenalin, aber bedacht. Klettern bedeutet Risiko, aber kalkuliert. Klettern bedeutet, an Grenzen zu gehen. Doch Klettern bedeutet nicht, Grenzen zu überschreiten.

Der Klettersport wirkt auf den ersten Blick wie ein Spiel mit Höhenflügen und Abstürzen. Doch beim Klettern geht es nicht um Unkontrolliertheit oder Ungewissheit – und schon gar nicht um unbedachtes Handeln. Es geht um Vorbereitung, Planung, Gemeinschaft und die Liebe zur Natur.

Was für Natur, Bergsport und viele weitere Lebensbereiche gilt, ist etwas, das wir von David und der Klettercommunity hier in Osp lernen können: Lieber einen kontrollierten Schritt zurück als einen irreversiblen Schritt zu weit. Denn das Leben, die Natur und die Menschen um uns herum sind viel zu wertvoll, um mit ihnen leichtfertig umzugehen.





Eine Multimedia-Reportage von Caroline Bartos, Valentine Engel, Hannah Felsberger und Maximilian Hatzl.
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